Tradition neu aufgelegt: Warum mich dieses Jahr Vladimirs "Wake me up" Version in Weihnachtsstimmung brachte

Mit meiner Trostpflaster-CD:  Livemitschnitt von Vladimir Korneevs Show WINTER
Mit meiner Trostpflaster-CD: Livemitschnitt von Vladimir Korneevs Show WINTER

Alle Jahre wieder: Plätzchen backen und Geschenke verpacken, Fenster schmücken und Kerzen anzünden, Glühwein trinken und Lieder singen, zu Hause Märchenfilme gucken... Für die Weihnachtsfeier aufbrezeln und gemeinsam Konzerte besuchen... Egal ob kirchlich eingebunden oder nicht - hierzulande hat in der Weihnachtszeit wohl jeder Traditionen mit Freunden und der Familie, auf die er nicht verzichten möchte. Für mich als Musikerin gehören zum Dezember immer die Weihnachtskonzerte. Die haben mich mit Vorfreude erfüllt. Doch dieses Jahr war alles anders. Das Beisammensein ist nur stark beschränkt möglich und Konzerte sind verboten.

 

"So wake me up when it's all over..."* tönt es aus meinen Lautsprechern. Nein, ich bin kein Weihnachtsmuffel. Und ich möchte mich auch nicht pandemie-geplagt unter der Bettdecke verkriechen bis die Welt wieder in Ordnung ist. Auch wenn es verständlich wäre. 

Ich habe Vladimir Korneevs CD "HERZ" eingelegt und singe "Wake me up" aus tiefsten Herzen mit. Weil es sich gut anfühlt. Ich lausche den deutsch-französisch-russischen Chansons und den Coverversionen und komme dabei mehr und mehr in Festtags-Stimmung. Ohne ein einziges Weihnachtslied. Denn diese Songs und Vladimir sind eine ganz persönliche Weihnachtsgeschichte. Eine recht neue noch dazu.

 

"Jauchzet, frohlocket! Tam tattattatta taatam..." Jubilierende Chöre, schmetternde Fanfaren und jede Menge schneller Cellonoten - Der pompöse Anfang von Johann Sebastian Bachs Weihnachts-Oratorium führte lange Zeit meine Dezember-Ohrwurm-Hitliste an! Als frisch gebackene Profi-Musikerin war ich nach meinem Hochschulstudium an ein Projekt-Orchester geraten, das Jahr für Jahr mit Solosänger:innen und Chor diese bekannten klassischen Werke in der Weihnachtszeit aufführt. In kalten Kirchen spielten wir an den Wochenenden meist mehrere Konzerte hintereinander. Und zwischendurch wärmten wir Musiker:innen unsere klammen Finger an Kaffee aus der Thermoskanne und stärkten uns mit Plätzchen und mitgebrachten belegten Broten. Vertraute Abläufe. Eine eingespielte Gemeinschaft. Alle Jahre wieder. Eine schöne Gewissheit. Bis ich eines Tages eine verlockende Anfrage bekam. Und damit neue Adventsmelodien...

"I’m dreaming of a white Christmas... just like the ones I used to know...“ Wer schon einmal zur Adventszeit in den Staaten war, weiß, wie überschwenglich dort dekoriert, geschlemmt und zelebriert wird. Andrej Hermlin mag es mit seinem Berliner Swing Dance Orchestra stilgerecht und trumpft deshalb beim Konzert-Programm „Christmas in Swing“ gleich mit mehreren Solist:innen und dem Gesangsquintett The Skylarks auf. Und bietet mit überdimensionierten Deko-Geschenken, ausgelegtem Watte-Schnee und einem riesigen Schlitten was fürs Auge. Und für einen besonders romantischen zartschmelzenden Klang sollte noch ein Streichquartett sorgen.


Das war meine Chance und ich sagte freudig zu. Die beschwingte Musik steckte an! Mit fantastischen Musiker:innen spielte ich US-amerikanische Weihnachtslieder und verjazzte Evergreens wie „Santa Claus is coming to town“, „Winter Wonderland“ oder „Let it snow“. Und ich fühlte mich, als wäre ich mitten in einem herrlich kitschigen Weihnachts-Feel-Good-Movie längst vergangener Zeit. Inklusive Wiederholungen. Denn mit "Christmas in Swing" ging es auch auf Tour. Alle Jahre wieder.

Als das Orchester später die Streicher einsparte fehlte mir meine jährliche Dosis Weihnachtsswing sehr. Kurzerhand kaufte ich ersatzweise ein CD-Album und fortan sangen Dean Martin und Eartha Kitt meinen "Dezember-Soundtrack".

 


"So wake me up when it's all over... when I'm wiser and I'm older"* Es gibt viele Dinge, die wir ganz selbstverständlich nehmen. Gefühlt waren sie schon immer da und man geht davon aus, sie würden es auch in Zukunft sein. Frieden, Gesundheit, Verwandte, Umarmungen, Konzerte... 
  

 

Nachdenklich und dankbar gemacht hat mich ein Chanson-Abend. Obwohl "WINTER" von Sänger und Schauspieler Vladimir Korneev viel mehr ist als nur ein Chanson-Abend. Aber von vorn: Am Ende des Jahres 2018 wurde ich für eine Konzertserie angefragt. Es ging darum eine Band für Vladimir zusammenzustellen. Gesucht wurde jemand am Cello, der sowohl anspruchsvolle klassische Stücke vom Blatt spielen kann, dabei aber auch im Groove bleibt und sich traut, zu improvisieren. Challenge accepted! Unter Hochdruck probten und arrangierten wir zu fünft die vielen verschiedenen Songs - eine wilde Mischung an Stilen, Stimmungen und Sprachen. Hoch inspiriert und intensiv war die gemeinsame Vorbereitung. Wir fünf Musiker - Tom, Vladimir, ich, Takashi und Stammpianist Liviu (Reihenfolge Bild unten) wuchsen richtig zusammen. 

 

Für die 15  Vorstellungen zogen wir ins Tipi am Kanzleramt. Und jetzt ergab das Ganze für mich erst richtig Sinn: Eingetaucht in unglaublich tolle Farbspiele von Lichtdesigner Sven Herzel war jedes Chanson eine kleine Geschichte für sich. Aber ich verstand durch das, was Vladimir zwischendurch aus seinem Leben erzählte, dass er uns auf eine ganz persönliche Reise durch seine "WINTER" mitnahm. Vom Georgien seiner Kindheit über die Flucht nach Deutschland..., und wie ein Weihnachtsgeschenk einen lang ersehnten Wunsch wahr machte und seinen Weg in die Welt der Musik bahnte...

Backstage im Tipi am Kanzleramt: Vladimir Korneev & Band | Foto Kordula Ullmann
Backstage im Tipi am Kanzleramt: Vladimir Korneev & Band | Foto Kordula Ullmann

Ob man nun am 24. oder 25. Dezember Weihnachten feiert, es einfach als "Fest der Liebe" mitmacht, oder wie in Georgien und Russland erst am 7. Januar mit einem Festessen begeht. Vladimirs Geschichten haben mir bewußt gemacht, was das Wesentliche der Weihnachtszeit ist: Geborgenheit, Familie, Heimat, Verbundenheit, gemeinsame Erinnerungen, Dankbarkeit. Ob wir uns mit einem typischen Festessen beschenken, uns Geschichten erzählen, miteinander Musizieren, gemeinsam Filme gucken, alle Jahre wieder Konzerte besuchen: All das sind Traditionen, mit denen wir uns Zeit füreinander nehmen. Deren Wiederholungen uns Geborgenheit geben.

 

Ein Bild blieb mir besonders im Gedächtnis: Wie Vladimirs Urgroßmutter bei Festen in Georgien auf dem Bett sitzt, gemütlich georgischen Rotwein trinkt und mit ihrem Urenkel ein Lied nach dem anderen singt. Einfach. Schön. Fragil. Weil seine Familie flüchten musste hat Vladimir sie vor ihrem Tod nicht noch einmal wiedersehen können.

Musik ist ein besonderer Ort für Erinnerungen. Und sie kann Menschen in Gedanken zu uns holen mit denen wir nicht beisammen sein können. Vladimir hat seiner Urgroßmutter dieses Programm gewidmet. Und es mit dem CD-Album "HERZ" festgehalten. Nach 2 Jahren und zahlreichen "WINTER"- Aufführungen sind diese Lieder nun auch Teil meiner Weihnachtszeit. Und deswegen drücke ich nochmal auf PLAY. Vorerst bis zum 7. Januar. Und mit ganz viel Glück nächstes Jahr wieder live gespielt. ❤️️

 

 



"In Musik bleibt das gebunden was das Leben längst zerstreut. Liebe, die ein Lied gefunden bleibt darin für alle Zeit."** 

 

Auf Vladimirs Album "HERZ" hört Ihr englische, französische, deutsche, russische und georgische Chansons - live mitgeschnitten von seinem Programm "WINTER". 14 lieb gewonnene Songs mit seiner facettenreichen Bariton-Stimme plus 4-köpfige Band. Und Liszts "Liebestraum" in einer Duoversion mit mir am Cello.

 

VLADIMR KORNEEVS WEBSEITE www.vladimirkorneev.com

* aus "Wake me up" von DJ  Avicii alias Tim Bergling
** aus "Dein Lied" Text Carsten Golbeck, Musik Vladimir Korneev 



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